Kunsthof Gohlis und (k)ein Ende

Seit langer Zeit kämpfen die Betreiber des Kunsthof Gohlis (KHG) um das „Überleben“, inzwischen sogar in der Öffentlichkeit.

Als jahrelange Besucherin sowie Nutznießerin des KHG mische ich mich in die Diskussion ein. Die Idee beider Betreiber ist faszinierend und in der Zeit des „Es muss sich rechnen“ ausgesprochen selten. Beide wollen Künstlern eine Möglichkeit der Präsentation geben, wollen vor allem Kunst jedem! Menschen zugänglich machen. Praktisch bedeutet dies: eintrittsfrei; gezahlt wird, was die finanziellen Mittel ermöglichen; kein Zwang zur Verzehr von Getränken und Speisen.

Das liest sich ungewöhnlich, ist es auch. Und dabei sind den beiden studierten Künstlern auch zahlreiche Fehler unterlaufen. Und in dieser sich entwickelnden Dynamik von Engagement, Suche nach finanzieller Absicherung der Räumlichkeiten für die Kunstangebote sowie der zunehmend angeschlagenen Gesundheit von Sigrid Körner und Uwe Piller verschärften sich auch Konflikte bis zur scheinbaren Unlösbarkeit. Kluge Ratschläge und anderweitige Angebote gab es allerhand von Freunden und Bekannten. Doch ist es so ungewöhnlich, dass die beiden Betreiber, die sich in die „Ecke gedrängt“ fühlen, ihre Autonomie in der selbständigen Suche nach Auswegen und Lösungen suchten? Als Außenstehender ist es einfach zu urteilen…

Und bei der juristisch korrekten Situation darf nicht vergessen werden, was beide, was dieser KHG, über Jahre für Menschen, für die Verbreitung der Kunst, für die Stadt geleistet haben.

Da gibt es Besucher, die kein Opernhaus als Gäste duldet, weil durch das ständige „Hicksen“ sich „Zahlgäste“ und Künstler gestört fühlen. Im KHG sind sie gern gesehene Gäste und können trotz minimaler Rente Veranstaltungen besuchen. So finden viele Gäste ohne finanzielle Puffer die Chance, im Konzert anwesend zu sein, mitzusingen, bei der Session sogar mitzumachen und auch Zeit mit den Künstlern zu verbringen. Und die Künstler – viele waren da: Studierende, Freizeitmusiker, arbeitslose Musiker und auch preisgekrönte Künstler. Konzerte, Lesungen, Sessions, Filmdiskussion – das alles geht frei von umständlicher Bürokratie. Und sie alle kommen ebenso gern wie die Gäste, auch wenn nicht immer hunderte von Euros von den Gästen gegeben werden. Es ist das Flair: die Nähe zum Publikum, die Fürsorge von Sigrid und Uwe, die Möglichkeit zur Übernachtung und auch die offenen Ohren beider (für existenzbedrohte Künstler auch wichtig). Das Angebot von anspruchsvoller Kunst, die für jeden Bürger der Stadt erschwinglich wird, das ist doch im Zeitalter von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auch Aufgabe einer Stadt? Im KHG wird dieses Angebot seit Jahren gelebt – ohne das die Stadt Dresden dafür in die finanzielle oder künstlerische Verantwortung gehen musste. Und neben den kulturellen Angeboten finden sich dort immer wieder Menschen, einfach um zur Ruhe zu kommen im phanstastischen (Vor)Garten, um zu erzählen und sich „das Herz auszuschütten“, und auch um gemeinsam wichtige Tage zu feiern wie Geburtstage und Hochzeiten.

Ja, rechtlich ist die Schließung des KHG korrekt. Und doch gibt es noch eine andere Seite, die nicht mit Geld abzuwägen ist: zwei Künstler, die bei allen Problemen für sehr viele Menschen da sind! Sie haben recht erfolgreich über Jahre Türen und Tor offen gehabt für alle Menschen, die durch diese Tür gehen wollten. Sie haben nicht lange gefragt. Sie haben einfach gemacht und alle Risiken bis heute allein getragen.  

Das verdient Anerkennung und endlich eine andere Form der Unterstützung. 

Ich denke an Dieter Hildebrandt, der da schreibt: Kultur ist immens wichtig für den Menschen. Er kann im Grunde genommen ohne sie gar nicht leben… Kultur ist das Leben.

Auch deshalb wünsche ich dem KHG, allen Besuchern und natürlich auch mir eine Lösung, die keine weiteren Konflikte erzeugt. Prof. Barbara Wedler

Sehr geehrte Frau Dr. Stange,

mein Name ist Nicole Hoppe und ich lebe in Düsseldorf. Ich wende mich an Sie in Ihrer Funktion als sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst und hoffe sehr, dass Sie ein paar Minuten Zeit finden, um diese E-Mail zu lesen.

Mein Anliegen ist die bald drohende Schließung des kunsthofgohlis in Dresden.

Obwohl ich in Düsseldorf lebe, waren meine Mutter und ich in den letzten Jahren ziemlich regelmäßige Besucher des kunsthofgohlis und haben ihn seit seiner Eröffnung vor zehn Jahren immer mehr lieben gelernt. Fast jedes Jahr haben wir mindestens ein bis zwei Veranstaltungen oder auch Feiern im kunsthofgohlis besucht, wenn wir wieder einmal in Dresden gewesen sind und waren jedes Mal begeistert. Das war dieses Jahr nicht anders. Allerdings waren unsere letzten beide Besuche vor einigen Tagen am 20. und 21. Juli natürlich von großer Trauer begleitet, weil dieser wunderbare Ort nun bald für immer verschwunden sein soll…

Ich interessiere mich sehr für Kultur und besuche gerne verschiedene Veranstaltungen wie Lesungen oder Konzerte, aber ich muss sagen, dass ich bisher noch nie einen Veranstaltungsort kennengelernt habe, der dem kunsthofgohlis gleich kommt oder auch nur ansatzweise ähnelt. Es gibt natürlich auch in Düsseldorf Kleinkunstbühnen, die mir gefallen, aber der kunsthofgohlis ist im Vergleich zu diesen Stätten wahrhaftig wie eine Oase der Kunst. Was Sigrid Körner und Uwe Piller hier in den vergangenen Jahren geschaffen haben ist unvergleichbar. Allein der Garten mit seinen exotischen Pflanzen ist einfach nur sagenhaft. Wenn man dort sitzt oder abends nach einer Veranstaltung dort hinaustritt und die unzähligen kleinen Lämpchen, die in den Pflanzen angebracht sind, leuchten, fühlt man sich wie in einem Traum: so wunderschön ist es. Und wenn man sich das Ganze genauer ansieht, bemerkt man überrascht, dass in den Pflanzen auch kleine Tassen oder Blechtöpfe hängen. Man sieht, dass dort jemand mit großer Kreativität und einem wahren Sinn für Schönheit tätig gewesen ist.

Und dasselbe gilt auch für den eigentlichen Veranstaltungsort: Der Raum mit den vielen Gemälden, Tischen, Stühlen und gemütlichen Sofas mit seinem sanften Licht ist ein eigenes Kunstwerk, welcher eine so warme Atmosphäre ausstrahlt, dass wirklich jeder, der dort eintritt, einfach nur begeistert ist. In jeder Ecke erblickt das Auge etwas Besonderes, egal ob es sich um die vielen Gitarren handelt, die an der Decke angebracht sind oder die individuell geformten Lampen.

Nicht nur deshalb bin ich zutiefst traurig darüber, dass es den kunsthofgohlis bald nicht mehr geben soll. Aber das ist nicht der wichtigste Grund. Viel schlimmer ist, dass es in Zukunft in Gohlis keinen Ort mehr geben wird, der der Kunst eine Bühne bietet. Ich schreibe extra „Kunst“, weil der Begriff „Kleinkunst“ immer etwas geringschätzig klingt. Und dabei ist diese „Kleinkunst“ so nah dran am Publikum. Und wenn der Künstler gut ist, entsteht gerade durch diese Nähe, dieses intime Ambiente, etwas wirklich Großes und Tiefergehendes. Solche Kunst öffnet den geistigen Horizont.

Das habe ich wieder einmal genau so erlebt, als am 20. Juli die Künstler Carmen Orlet und Hugo Dietrich Liedergeschichten über Regine Hildebrandt im kunsthofgohlis vorgetragen haben. Der Abend war extrem berührend und sowohl intellektuell als auch emotional sehr tiefgehend. So etwas erlebt man einfach nicht in einer großen Halle, sondern nur an einem Ort wie dem kunsthofgohlis.

Und dann ist der kunsthofgohlis natürlich auch eine Begegnungsstätte für Menschen, die sich dort regelmäßig treffen und austauschen können. Es ist auch ein Ort, wo ganz normale Menschen in der Vergangenheit einfach so ihre selbstgeschriebenen Lieder oder Gedichte in schöner Atmosphäre und Umgebung vortragen konnten.

Wenn der kunsthofgohlis geschlossen wird, wird dies alles verschwinden. Und ich finde es gerade in unserer heutigen Zeit so ungemein wichtig, dass es einen Ort wie den kunsthofgohlis weiter gibt.

Ich habe selbst erlebt, dass recht konservative Leute mit ziemlich großer Skepsis zu einer Veranstaltung im kunsthofgohlis gegangen sind und später ganz begeistert gewesen sind, weil sie noch nie so direkt z.B. eine begnadete Bluessängerin gesehen und gehört hatten.

Meine absolute Horrorvorstellung ist, dass die Örtlichkeit in Zukunft von einer rechten Gruppierung genutzt werden könnte. Ich glaube, es gibt sicher einige Rechte in und um Gohlis, denen der kunsthofgohlis seit Jahren ein Dorn im Auge gewesen ist und die wahrscheinlich nichts dagegen hätten, wenn dieser in ihren Augen „links-grün versiffte Sumpf“ endlich verschwindet.

Aus diesem Grund würde ich mich wie viele andere wirklich sehr, sehr freuen, wenn der kunsthofgohlis doch noch eine finanzielle Hilfe erhalten würde, damit er weiter existieren kann. Ich finde, gerade ein solcher Ort hätte staatliche Fördergelder wirklich verdient.

Ich weiß, dass Sie sich schon einmal mit dem drohenden Aus des kunsthofgohlis und dem Rechtsstreit beschäftigt haben und wäre Ihnen wirklich sehr dankbar, wenn Sie die Möglichkeit einer finanziellen Förderung einmal prüfen könnten. Ich hoffe so sehr, dass es doch noch eine Chance für den kunsthofgohlis gibt.

Mit freundlichen Grüßen

 

Nicole Hoppe

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Schleizer Weg 2

40627 Düsseldorf